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Schülerin und Schüler des Christian-von-Dohm Gymnasiums gestalten die zentrale Feier zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2018 mit

Am diesjährigen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus gedachte der Verein Spurensuche sowie das Bündnis gegen Rechts den Opfern des Nationalsozialismus. Unter großer Anteilnahme erinnerten mehrere Redner an die Opfern von Verfolgung und Gewalt und mahnten an dem Ort, an dem einst das Außenlager des KZ Buchenwald gestanden hatte, dass die Erinnerung an jene schrecklichen Taten nicht zum Erliegen kommen dürfe.

Besonders die Menschlichkeit und Stärke eines Insassen namens Walter Krämer, der im KZ Buchenwald als Leiter der Krankenbaracke unzähligen Menschen das Leben rettete, stand im Zentrum eines Beitrags, den zwei Schüler sowie eine Schülerin des Christian-von-Dohm Gymnasiums im Zusammenspiel mit dem Oberbürgermeister Dr. Oliver Junk vortrugen. Krämers Einsatz für das Leben von Verfolgten und Gepeinigten an einem furchtbaren Ort führte schließlich zu seiner Verlegung ins Außenlager nach Goslar sowie zu seiner feigen Erschießung. In Yad Vashem wird er seit 1999 als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt.

Der nachfolgende Beitrag veranschaulicht sehr eindringlich, weshalb nach Walter Krämer zu Recht eine Straße in Jürgenohl benannt werden soll.

Dr. Oliver Junk:

Am 19. Dezember 2017 hat der Rat der Stadt Goslar beschlossen, eine Straße in Jürgenohl nach Walter Krämer zu benennen.

Der Verein Spurensuche hat eine Kooperation mit dem Christian-von-Dohm Gymnasium und erforscht die Geschichte Walter Krämers.

Was macht Walter Krämer eigentlich erinnerungswürdig?

Tim Schröder:

Walter Krämer hat an einem schrecklichen Ort, der von Inhumanität, Gewalt und Terror gezeichnet war – dem Konzentrationslager Buchenwald – Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft bewiesen!

Er wurde am 28. Februar 1933 als politischer Gefangener inhaftiert, weil er der KPD angehörte. An diesem Tag wurde die Reichstagsbrandverordnung verkündigt, die die Grundrechte außer Kraft setzte und den Nationalsozialisten die Macht gab, ihn so wie tausend Andere ohne richterlichen Beschluss zu inhaftieren. Krämer blieb bis zu seinem Tod ein Gefangener.

Obwohl er eine Ausbildung zum Schlosser absolviert hatte, eignete er sich im KZ Buchenwald medizinische Kenntnisse und Fähigkeiten an, die zahlreichen Inhaftierten das Leben erleichterte und sogar rettete.

Dr. Oliver Junk:

Mit seinem Einsatz für das Leben der KZ-Häftlinge bewies Walter Krämer auch Solidarität mit seinen Häftlingen und für uns heute unvorstellbaren Mut, denn er setzte damit doch auch sein eigenes Leben aufs Spiel.

Freya Gunder:

Walter Krämer hat unter Einsatz seines Lebens und unter Missachtung der Lagerordnung jüdischen und russischen Gefangenen geholfen.

Er brachte den Unglücklichen Nahrung, Decken und Medikamente ins so genannte „Kleine Lager“, in dem Juden und Russen gesondert inhaftiert waren; denn diese Menschen wurden nach der NS-Ideologie als minderwertig eingestuft und sollten durch Hungerrationen, Gewalt und Arbeitseinsatz getötet werden.

Entgegen der herrschenden Meinung betrachtete Krämer Juden und Russen als Mitmenschen, für die er sich als Leiter der Krankenbaracke verantwortlich fühlte.

Ein 17jähriger Patient namens Arthur Radvansky wurde beispielsweise von Krämer heimlich operiert. Als Jude hätte er keinen Anspruch auf medizinische Hilfe gehabt.

Ein anderer Überlebender aus Buchenwald – Jakob Silberstein – berichtet davon, dass Krämer nachts ins kleine Lager kam und Medikamente gegen Typhus verteilte.

Auch weigerte sich Krämer, falsche Diagnosen zu stellen, die für die Gefangenen den Tod bedeutet hätten.

Als im September 1941 sowjetische Offiziere nach Buchenwald gebracht wurden, sollte Krämer den Vorwand für deren Exekution liefern und Tuberkulose bescheinigen. Er ließ sich jedoch nicht instrumentalisieren, um sein eigenes Leben zu retten.

Hätte Krämer sich konform verhalten und als Kapo und Handlanger der SS deren Willen erfüllt, so wäre er nicht als Strafmaßnahme nach Goslar gebracht und dort erschossen worden, sondern am Leben geblieben. Aber diese Grenze der Humanität zu überschreiten, war er nicht bereit.

Dabei handelte er nicht aus politischer, ideologischer oder religiöser Überzeugung, sondern aus einem Gefühl des Mitleids und der Menschlichkeit heraus. Gerade diese Menschlichkeit Walter Krämers ist es, die uns heute berührt und als Vorbild dienen sollte.

Dr. Oliver Junk:

Das Gedenken an Walter Krämer ist in Goslar seit 2002 lebendig. In jüngerer Zeit wird seine Courage aber auch über die Grenzen Goslars hinaus gewürdigt.

Kevin Lömker:

Der Staat Israel hat am 20.10.1999 Walter Krämer die größte Ehre zuteil werden lassen:

· In Yad Vashem – der weltweit größten Holocaust Gedenkstätte in Jerusalem – wird er als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt.

Damit würdigt Israel all jene, die nicht gleichgültige Zuschauer waren, sondern Menschen jüdischen Glaubens in Not und Verzweiflung halfen. Nur 601 Deutsche von insgesamt mehr als 25.000 Personen haben diesen Ehrentitel bis heute erhalten. Dabei spielt die Anzahl der Geretteten keine Rolle. Sie werden in Yad Vashem durch einen Baum, eine Medaille sowie eine Gedenktafel verehrt und erhalten auch posthum die Ehrenbürgerschaft des Staates Israel.

· Außerdem erinnert die Stadt Hannover durch einen Stolperstein an Walter Krämer – und zwar an der Stelle, an der sich die Parteizentrale der KPD befand.

· Seine Geburtsstadt Siegen hat eine Porträt-Stele auf dem Walter-Krämer-Platz aufgestellt.

· Das KZ-Buchenwald hat 2011 eine Ehrentafel anbringen lassen.

· In Goslar erinnert seit 2002 ein Gedenkstein an das Außenlager des KZ Buchenwald.

Mit der Namensgebung einer Straße löst die Stadt Goslar das Anliegen Yad Vashems in doppelter Weise ein: den Opfern einen Namen zu geben und die Retter zu würdigen bzw. die Erinnerung an all jene wachzuhalten.

In der Person Walter Krämers sind Opfer und Retter vereint.

Dr. Oliver Junk:

Walter Krämers Mut, seine Werte nicht zu verleugnen und Menschlichkeit zu beweisen in einer Zeit, die von Verbrechen gegen die Menschlichkeit geprägt war, zeigen seine charakterliche Größe und Haltung, die er selbst im Konzentrationslager nicht verlor.

Gerade weil diese Überzeugung Krämers zu seiner feigen und hinterlistigen Ermordung durch die NS-Schergen führte, sollte er uns heute – in Zeiten des zunehmenden Fremdenhasses – Vorbild und Ansporn für unser eigenes Handeln sein.